Dutch Swing College Band beim Jazzclub Ortenberg, 01-10-2011

Mülheim, 26-09-2011
26-09-2011
Persconferentie Novosibirsk 19-10-2011
19-10-2011

BLEICHENBACH (mü): Der Tourneeplan liest sich genauso atemberaubend wie ihre frischen Interpretationen der großen Meister und ihre rasanten Soli klingen: Fällanden (Schweiz), Sib Jazz Festival in Novosibirsk, Jakarta, Kuala Lumpur, Bangkok. Die Dutch Swing College Band, von Fans liebevoll DSCB abgekürzt, ist seit knapp siebzig Jahren auf allen Kontinenten der Welt zu Hause. Und zwischen all diesen Terminen, unglaublich, prangt ganz selbstverständlich „Die Traube“ in Bleichenbach. „Kaum zu fassen, dass wir solchen Jazz – sicher den besten europaweit – hier bei uns in der Wetterau zu hören bekommen“, war beim jetzigen Konzert des holländischen Oktetts unter der Leitung von Bob Kaper zu hören. Man „leistet“ sich die Hochkaräter zu besonderen Anlässen, so zum Beispiel zum 25-jährigen Bestehen des Jazzclubs Ortenberg – und natürlich sollen sie, wenn das neue alte Domizil der Jazzfreunde, das Ortenberger Bürgerhaus, fertig umgestaltet ist, sobald wie möglich auch dort auf der Bühne stehen, erläutert Uli Heck. Die DSCB ist ein Trumpf im Ärmel des Jazzclub-Vorsitzenden. Ein Abend mit den acht Profis, von denen jeder einzelne ein brillanter Solist, dazu Bandleiter oder Orchestergründer ist, lockt Jazzkenner von weither in die Wetterau. Sie spielen den klassischen Jazz aus Überzeugung, mit Herzblut und purer Spielfreude, die ihnen ins Gesicht geschrieben steht und jede einzelne Notenlinie beschreibt. Die Rhythmusgruppe mit Publikumsliebling Adrie Braat, dem baumlangen Kontra-Bassisten, Drummer Onno de Bruijn, der schon mit 14 Jahren für prägnanten Groove und gnadenlose Soli bekannt war, und dem strahlenden Ton van Bergeijk am Banjo und an der akustischen Gitarre bildet das unverzichtbare Fundament der Ausnahmeband. Die Läufe der Bläser sind, einzeln genommen, eine perlende Fülle von Klängen, schwungvolle Glissandi, tiefste, langgezogene Bässe, höchstes Tremolo im Diskant und scheinbar ohne Atempause gehaltenen Akkorden. Zusammen demonstrieren die Frontmänner perfekte Synchronizität, gepaart mit einer ungeheuren Leichtigkeit. Bob Kaper und der gerade mal 28-jährige Trompeter Keesjan Hoogeboom streuen gelegentlich lässig-gekonnten Gesang ein, wobei der junge Musiker natürlich den sehnsüchtigen Lover gibt. Der Bandleader besorgt die Ansagen, erinnert dabei an die Geburtsstunde der DSCB, den 5. Mai 1945, den Tag der Befreiung der Niederlande von den Nazi-Besatzern. Jazz verkörperte für die Gründungsmitglieder der Band und die Jugend des Landes nichts geringeres als Freiheit – Freiheit von Diktatur, Freiheit, den eigenen musikalischen Ausdruck zu suchen und immer wieder neu zu finden, Freiheit, sich des Lebens zu freuen und diese sinnliche Begeisterung in Töne zu fassen. „A letter from home – ein Brief von Zuhause“, sagten die amerikanischen Befreier, als die mit Erstaunen die lebendige, bis dahin verdeckt agierende Jazzszene der Niederlande kennen lernen. Kaper erinnert ohne jegliche Bitterkeit an diese Zeit, erntet frenetischen Applaus im Saal. Es findet sich kein Gründungsmitglied der DSCB mehr in den Reihen der Band – doch die Idee der Freiheit und Individualität lebt spürbar fort, prägt die prickelnden Eigenarrangements bekannter Klassiker, hat keine oberflächlichen Showeffekte nötig. Sie sind mit sich vollkommen im Reinen, sie geben sich dem hin, was sie am liebsten tun – dem Musikmachen. Sie lassen Louis Armstrong, Duke Ellington, Sidney Bechet und Cole Porter auferstehen und hochleben, servieren wundervolle Soloeinlagen und ein opulentes Klassikermedley, in dem man selbst die obligatorischen „Saints“ bei ihrem Einmarsch kaum wieder erkennt und bei „I scream – you scream“ am liebsten mitrufen möchte. Der Effekt ist immer der gleiche: Die Songs werden so temperamentvoll und präzise dargeboten, dass das Publikum nach dem letzten Akkord und dem exakten gemeinsamen Absetzen der Blasinstrumente immer einige Sekunden benötigt, um sich zu fassen und in Beifallsstürme auszubrechen. Ein musikalisches Feuerwerk, bei dem man vor lauter funkelnder Leuchtgarben im Sekundentakt fast das „Ah!“ und „Oh!“ vergisst. Standing Ovations belohnen die Musiker, über die ein niederländischer Jazzkritiker kürzlich schrieb: „Ein viel gehörter Ausspruch ist: Es gibt nur zwei Arten Musik, nämlich gute und schlechte. Für den wahren Liebhaber von guter traditioneller Jazzmusik ist die Wahl also sehr einfach, denn es gibt nur eine Dutch Swing College Band.“

(Inge Müller)